Zwischen Nacht und Tag

Fotografische Werke von Ralf Peters – Ausstellung in der Kunsthalle Wilhelmshaven

Von wegen einfach fotografiert. Ralf Peters lichtet die Dinge gleich mehrfach ab – oder auch stundenlang. Die Aufnahmen verwandelt er in Bilder, die uns die Ehrlichkeit des ­Fotos nur vorgaukeln. Peters spielt mit unserem Begriff der Fotografie, deren ursprüng­licher Verdienst es doch war, einen Moment der Wirklichkeit festzuhalten. Bis heute gilt das Medium als objektiv, obwohl wir doch alle längst um die Trickkiste der technischen Bearbeitung wissen. Den Wahrheitsgehalt in der Bilderflut hinterfragen wir nur allzu selten. Und wenn: könnten wir die Realität im digitalen Zeitalter überhaupt noch vom Trugbild unterscheiden? Seit bald zwanzig Jahren befasst sich Ralf Peters mit der Fotografie und ihrer Aussagekraft. 1960 in Lüneburg geboren, studierte er Malerei und Bildhauerei in Braunschweig, Nîmes und München. Die Mittel der Komposition – also Farbe, Licht, Raum, Fläche, Perspektive und das Mit- und Gegeneinander von Formen – sind ihm daher bestens vertraut. Seine Fotografien sind „inszenierte“ Aufnahmen, die er am Computer noch weiter verändert. Aus dem Grundmaterial, das Peters vor die Kamera kommt, schafft er nahezu virtuelle Räume. Nüchterne Bildgegenstände bringt er vor einem schwarzen Himmel zum Strahlen. Für die Nachtaufnahmen nutzt Peters eine Langzeitbelichtung. „Dabei laufe ich stundenlang mit einer großen Taschenlampe um einen Baum herum“, verrät er. Gleich mehrere Scheinwerfer gebraucht der Künstler, um tristen Betonbrücken eine ungekannte Monumentalität zu verleihen. In Peters Foto erscheint die Brücke dem vertrauten Zusammenhang vollkommen entrissen. Eine Straße ist kaum zu sehen, weder Autos noch knatternde Mopeds bewegen sich durch das Bild, die umgebende Landschaft ist nur ahnbar. Die Tristesse, die gewöhnlich an solchen Straßenüberführungen herrscht, weicht einer magischen Atmosphäre. Eine ebenso starke Faszination geht von der Serie „keen inside“ aus. Ein scheinbares Abbild von roten Mohnblüten setzt sich aus unzähligen Einzelaufnahmen zusammen. Die Landschaft wurde aus mehreren Distanzen in den Fokus genommen, um die maximale Schärfe in allen Bildtiefen gleichzeitig zu erzeugen. Was die Sehfähigkeit der Augen und das Objektiv des Fotoapparats nicht leisten können, macht Peters sichtbar. Am Ende präsentiert er eine hyperrealistische Ansicht, die unser Blick im echten Leben nicht einfangen könnte. Die Fotografien von Peters sind keine Wiedergabe der sichtbaren Welt, sondern artifiziell aufgeladen. Doch können wir dem Künstler einen Betrug unterstellen, wenn die Bestandteile des Bildes der Realität entnommen sind? Wo sind die Grenzen zwischen Dokumentation und Bilderfindung zu verorten? Die Ausstellung in der Kunsthalle Wilhelmshaven lädt dazu ein, über Manipulation und Wirklichkeitstreue zu philosophieren oder einfach wunderbare Fotos anzuschauen. Noch bis zum 9. Juli 2017 zeigt die Kunsthalle rund 35 spektakuläre Arbeiten aus den jüngsten Bildserien „Skylines“, „24 Hours“, „Sar“, „Night Colours“ und „Keen Insight“ und knüpft damit an die erste Ausstellung des Künstlers im Jahr 2004 an. Darüber freut sich Peters sehr, denn so werden einzelne künstlerische Positionen nicht nur schlaglichthaft einmalig präsentiert, „vielmehr kann das Publikum die Entwicklung der Arbeit mitverfolgen.“