Die Palette des Malers

Radziwill-Ausstellung im Franz Radziwill Haus in Dangast

Zwischen Bergen und Rotterdam sei Dangast „die farbigste Ecke der Welt“, schwärmte Franz Radziwill (1895–1983) über seine Wahlheimat am Jadebusen. Auf den Spuren der Brücke-Maler schuf er farbgewaltige Ölbilder aus ungemischtem Rot, Blau, Gelb und Grün. Schon bald wurde die expressionistische Formensprache von einer altmeisterlichen Manier abgelöst, doch die leuchtenden Farben blieben erhalten. Den freien Umgang mit der reinen Farbe, den Radziwill als junger Maler verinnerlicht hatte, verband er mit präziser Sachschärfe der äußeren Form. Aus dem Miteinander flächenbetonter Farbigkeit und räumlicher Hell-Dunkel-Effekte entstand eine einzigartige Malweise, die Radziwills Werken ihren unverwechselbaren Charakter verleiht. Immer wieder kombinierte der Maler die naturgetreue Darstellung mit einer gesteigerten Farbigkeit, die seine Bilder magisch auflädt. Sein Gebrauch der Farbe ist das Thema der neuen Ausstellung im Dangaster Künstlerhaus. Gezeigt werden noch bis Anfang des nächsten Jahres 24 Ölgemälde aus allen Schaffensphasen, die Rad­ziwills Leidenschaft für Farbe nachvollziehbar machen. Unterschiedliche Sujets wie Landschaft, Porträt und Stillleben vermitteln einen repräsentativen Eindruck seiner unverkennbaren Palette. Deutlich wird das Wechselspiel reinbunter und abgetönter Farben im Ölgemälde „Das große Bienenhaus“ aus dem Jahr 1950. Das Ölbild zeigt ein zweigeschossiges Bienenhaus im hellen Mondschein. Das knorrige Gebüsch im Hintergrund ist Blatt für Blatt wiedergegeben, beeindruckend ist auch die Darstellung der unzähligen Bienen, die dort herumschwirren. Leuchtend gelb und blau sind die Bienenkästen dargestellt. Kontrastierend zu dieser naturgetreuen Feinmalerei leuchtet im Vordergrund eine rote Fläche, als hätte Radziwill die Farbe mit einem Eimer in den Bildraum hineingegossen. Dass Radziwill die Stilmittel von Abstraktion und Surrealismus mit der Verpflichtung zur Gegenständlichkeit verknüpfte, macht ihn stilistisch zum Grenzgänger zwischen Avantgarde und Tradition. Unter den Leihgaben aus Museen und Privatsammlungen befindet sich eine besondere Entdeckung. Inspiriert von den Motiven Jan Vermeers (1632–1675) schuf Radziwill im Jahr 1924 ein Stillleben, das als verschollen galt und nun nach über 90 Jahren erstmalig öffentlich zu sehen ist. Zum entdeckten Gemälde gehören zwei ebenso unbekannte bemalte Postkarten: ein Porträt und eine Landschaft im niederländischen Stil. Begleitend zur Ausstellung findet ein buntes Rahmenprogramm statt. Am Sonntag, den 21. Mai 2017, berichtet die Berliner Künstlerin Renata Stih über Goethes Farbenlehre und am 11. Juni 2017 folgt unter dem Titel „Mein blaues Klavier“ ein Vortrag über Else Lasker-Schüler. Die Bremer Literaturdozentin Gudrun Boch überrascht mit ungeahnten Verbindungen zwischen der außergewöhnlichen Dichterin und Franz Radziwill. Am Mittwoch, den 21. Juni 2017, heißt es „Eintritt frei!“. Zum 30jährigen Jubiläum des Franz Radziwill Hauses findet ein Tag der offenen Tür statt. Seit dem 21. Juni 1987 präsentiert die Franz Radziwill Gesellschaft im ehemaligen Wohnhaus des Malers wechselnde Themenausstellungen. Radziwill-Freunde und Kunstinteressierte sind herzlich eingeladen, die Erfolgsgeschichte des Künstlerhauses mitzufeiern. Für die kleinen Besucher wird eine Theaterwerkstatt angeboten.